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SEIN – künstlerisches Konzept

Im Sinne der Gleichberechtigung und Lesbarkeit wird im Folgenden auf jegliches Gendern der Schreibweise verzichtet und jede Person ungeachtet von Geschlecht oder Orientierung gleichwertig angesprochen.

Die Frage nach dem SEIN ist eine der grundlegendsten Fragen der Menschheit. WER bin ich, WAS bin ich, WARUM bin ich?

Leider hat diese Frage heute immer noch den Zusatz „Warum darf ich nicht SEIN, wie ich bin?“ Die Gesellschaft erwartet ein „Outing“, um anschließend ein Urteil zu fällen.

Das Fotoprojekt „SEIN“ macht das zum Thema und portraitiert zwölf Menschen, ganz einfach in ihrem SEIN, so wie sie sind, ohne sich erklären zu müssen.

Von jeder Person werden drei Bilder angefertigt: nur ein Kopf-Portrait allein, der Körper ohne Kopf und ein Ganzkörperbild. Die Bilder sind monochrom und jeweils in einer der Regenbogenfarben gehalten. Jede Person sucht sich für die drei Bilder eine (jeweils andere) Farbe selbst aus, die sie anspricht. In der Ausstellung werden die Werke in drei Gruppen „Kopf“, „Körper“, „Person“ zusammengefasst und so nebeneinander präsentiert, dass der Regenbogen sichtbar wird. Der Betrachter muss sich also mit der Frage „Welcher Körper gehört zu welchem Kopf“, mit der Identität der Person auseinandersetzen.

Die Bilder werden vollständig in Kollodium-Nassplatten-Technik in mühevoller Handarbeit angefertigt. Kollodium ist die älteste Form der Portrait-Fotografie und stellt die Personen „wahrhaftig“, völlig unverfälscht dar. Jedes Foto ist ein Unikat, das auf eine Metallplatte direkt in der Großformatkamera fotografiert wird. Es gibt keine Möglichkeit einer Retusche oder Kopie, das Foto ist einzigartig, wie die Person, die abgebildet ist. In Zeiten von Digitalfotografie und KI ist es somit die „analogste“, echteste Form der Fotografie überhaupt.
Die Technik ist in ihren Ursprüngen schwarz-weiß, was auch eine Analogie zum schwarz-weiß-Denken der Zeit um 1850, aus der sie stammt, darstellt. Bist du Mann oder Frau? Schwarz oder weiß? Bekenne, oute dich!
Ich möchte dieses schwarz-weiß-Denken aufbrechen und habe mich viele Monate lang mit der Frage auseinandergesetzt, wie die alte Fotografie „bunt“ werden kann, wie man dem Menschen als Du, als Person begegnen kann, ohne ihn in Schubladen einzuteilen.

Kollodium wurde historisch aus technischen Gründen stets auf schwarzem Material fotografiert. Es ist mir gelungen, färbige Metallplatten als Trägermaterial herzustellen, um dieses Projekt realisieren zu können. Dies war insbesondere schwierig, da es historisch in der Form nie gemacht wurde, weil die allermeisten Lacke und Farben mit den aggressiven Chemikalien, die bei der Nassplattenfotografie zum Einsatz kommen, reagieren und nicht beständig sind.

Die Bilder einer Großformatkamera sind per se spiegelverkehrt. Auch diesen Aspekt nutze ich beim Projekt „SEIN“, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und über unseren Umgang mit dem Gegenüber nachzudenken.

Bei der Portraitfotografie sprechen wir häufig von einem „weiblichen“ oder „männlichen“ Lichtsetup, um eben weibliche und männliche Züge besonders zu betonen. Auch darauf wird beim Projekt „SEIN“ bewusst verzichtet. Es wurde ein einziges „One-Light-Setup“ entwickelt, mit dem alle Personen in gleicher Weise fotografiert werden. Auch das soll unterstreichen, jeder Person auf die gleiche Weise unvoreingenommen zu begegnen. Eine Sonne, die auf alle in gleicher Weise scheint.

Die portraitierten Personen stammen allesamt aus Oberösterreich und werden in enger Kooperation mit der LGBTIQ*-Stelle des Magistrats Linz und ähnlichen Institutionen eingeladen und ausgewählt. Neben den Portraits wird mit allen Personen ein Interview geführt, das Fragen um ihr SEIN thematisiert. Die Fragen werden mit speziell auf LGBTIQ*-Themen spezialisierten Psychologen im Vorfeld erarbeitet. Aus den Interviews wird jeweils eine Kernaussage zu den drei Themenbereichen „Kopf“, „Körper“ und „Person“ extrahiert und als Bildunterschrift bei den Ausstellungen dargestellt.

Alle Fotos und Texte werden schließlich in einem Bildband zusammengefasst und als Buch veröffentlicht.